Letztes Feedback

Meta





 

FrühlingsSommer

Endlich hatte sie einen Namen für die undefinierbare Gemütsverfassung gefunden, die sie jedes Jahr aufs neue heimsuchte und die sie mittlerweile fast schon erwartete.Meistens war es bereits Ende März soweit. Manchmal früher, manchmal später. Die ersten paar mal, als sie sie bei sich feststellte war sie sich sicher an einer Krankheit namens Bipolarität zu leiden. Das lag aber vielmehr daran, dass sie kurz zuvor darüber einen Bericht in einem Magazin gelesen hatte und generell hypochondrischen Anwandlungen nicht ganz abgeneigt war. Diese Krankheit war dadurch gekennzeichnet, dass die Betroffenen zwischen extremen Hochs und Tiefs schwankten. In den Hochs fühlten sie sich voller Energie, lieferten unglaubliche Leistungen ab und schliefen oft nur 2 bis 3 Stunden nachts; wie in einem Drogenrausch wenn man so will. Überdurchschnittlich viele Künstler und Kreative schienen diese Krankheit zu haben und schufen in diesen Hochphasen weltberühmte Werke. Doch der Preis den sie dafür zahlten war oft kein geringer. Denn je höher die Hochs, desto tiefer die Tiefs. Mancher Künstler hätte in diesen Tiefphasen wohl nur zu gerne auf seine Kunst geschissen, wenn ihn diese völlige Antriebs- und Mutlosigkeit dafür in Ruhe gelassen hätte. Dass Alkohol- und Drogenmissbrauch unter kreativ arbeitenden Menschen recht verbreitet sind, mag wohl auch zu einem gewissen Prozentsatz als Selbstmedikation gesehen werden, um sich über diese Phasen hinweg zu helfen. Was natürlich niemals funktionieren kann, sondern die Depressionen eher verschlimmert.
Jedenfalls war sie sich kurzzeitig sicher an einer "jahreszeitinduzierten bipolar-emotionalen" Störung zu leiden. Und nachdem sich vor ein paar Monaten der deutsche Nationaltorhüter aufgrund von Versagensängsten mal kurz vor einen Zug geschmissen hatte, waren psychische Erkrankungen gesellschaftlich ja doch recht akzeptiert. Sie war kurz davor zu einem Psychiater (nein halt, wenn dann zu einer Psychiaterin) zu gehen. Vorsichtshalber teilte sie ihrem Mitbewohner dieses Vorhaben noch kurz mit. Nicht irgendwie beim gemeinsamen Abendessen in der gemütlichen WG-Küche, sondern eher zwischen Tür und Angel. Daraus wurde aber dann doch ein längeres Gespräch, weil ihr Mitbewohner es plötzlich gar nicht mehr sooo eilig hatte in die Universitätsbibliothek zu kommen. Sie machten sich eine Kanne Ingwertee und dann erzählte sie was sie dazu bewogen hatte, sich im Internet nach Psychiatern umzusehen:
" Weißt du, jedes mal wenn ich einen Winter in diesem graugrauen Land hinter mir habe und sich die Sonne endlich mal dazu bequemt ihren Job zu machen, habe ich zunächst das Gefühl mich zerreißt es vor Glück. Ich würde am liebsten den ganzen Tag draußen bleiben, Enten füttern, Kindern beim spielen zusehen und jeden einzelnen Sonnenstrahl eintüten und vakuumverpacken. Es erscheint mir aber schier unmöglich einen schönen Frühlingstag gebührend zu nutzen. Und dann diese frühlingsdruffen Päarchen, die aussehen als hätten sie eine 3-wöchige Schmetterlingsdiät hinter sich, nur um am ersten Frühlingstag auch ja nix außer Schmetterlingen im Bauch zu haben. Verstehst du was ich meine? Einerseits spür ich ja dieses Glück, das so ein paar ultraviolette Strahlen verursachen können. Wird ja auch in der "Bild" jeden Frühling wieder von einem Dr.Prof. Binmirfürnichtszuschade erklärt, dass Sonne Glückshormone freisetzt usw. Aber je mehr ich den Frühling genieße, und das tue ich wirklich, desto trauriger werde ich dann auch aus irgendeinem Grund, den ich nicht verstehe. Kannst du das halbwegs nachvollziehen?"
Ihr Mitbewohner nahm einen Schluck von seinem Ingwertee und setzte seinen bedeutungsschwangeren Blick auf, den sie früher gehasst hatte. Allerdings sagte er dann meistens etwas, das Sinn ergab und ihr schon über manchen Typen hinweg geholfen hatte. Sie spitzte die Ohren:
"Ich weiß ganz genau was du hast. Es ist allerdings keine "jahreszeitinduzierte bipolar-emotionale" Störung die dich da quält." Er hielt inne und schien kurz zu überlegen."Naja, vielleicht doch. Aber erstens in einer gaaanz leichten Ausprägung und zweitens ist es definitiv kein Fall für einen Psychiater."
"Und eine Psychiaterin?", warf sie halbernst ein.
Er grinste kurz:"Auch nicht für eine Psychiaterin. Wenn du dich ein bißchen mit Musik auskennen würdest..."
"Heyheyhey, jetzt mal runter vom Gas. Ich hab ja wohl den Megaplan von Musik."
"Ok sorry, I rephrase: wenn dein "Megaplan von Musik" nicht nur R n´B, HipHop, Reggea, Dancehall, Techno, House, Techhouse, Indie und das beste der 80er, 90er und der Hits von heute umfassen würde....", diesen Satz brachte der Musikfaschist in einem Stück heraus und sie war kurz davor ihm eine zu klatschen; aus Prinzip. Aber er monologisierte einfach weiter.
".....dann, meine liebe Mitbewohnerin wärst du mit der Musikrichtung des Blues und der Philosophie dahinter vertraut."
Sie verwarf ihren halbherzigen Plan ihm die Nase zu brechen und musste jetzt schon mal nachfragen.
"Und was hat das mit meiner emotionalen Schieflage zu tun, der Blues?"
"Naja, der Blues ist eine Musik, die zwar einen gehörigen Anteil Traurigkeit beinhaltet, aber trotzdem eine gewiße Trotzigkeit gegenüber dem eigenen Schicksal wiederspiegelt. Es schwingt immer eine gewisse Hoffnung mit. Die Lage mag aussichtlos sein und du ans Ende deiner Tage im Gefängnis sitzen zum Beispiel, aber du lässt dich nicht hängen. Diese Bipolarität, dieses Spannungsverhältniss zwischen positiven und negativen Emotionen macht den Blues aus."
"Komm zum Punkt.", musste sie jetzt einfach mal einwerfen.
"Du hast eben den Spring Blues, meine Gute. So viel zu machen, was man lange nicht mehr gemacht hat und kein Ende in Sicht. Und dann kommt noch hinzu, aber das weißt du ja, dass der Frühling nicht ewig dauert. Aber das ist nach wie vor kein Fall für den Psychiater und auch für keine Psychiaterin. Das ist lediglich ein Ausdruck deiner ungezügelten Lebenslust, die dir das Gefühl gibt immer irgendwas zu verpassen."
"Und was soll ich da jetzt tun?"
Er trank seine Tasse aus und stellte sie, wie immer, in die Spüle anstatt sie direkt in die Waschmaschine zu tun.
"Da hast du zwei Möglichkeiten. Erstens: du kultivierst dir eine süße Melancholie und wirst ein Emo, indem du......"
"Halt die Fresse. Zweite Möglichkeit?"
"Du verliebst dich und teilst alles was der Frühling zu bieten hat mit deinem neuen Herzallerliebsten, weil das dann doppelt zählt. So, ich muss jetzt aber echt los. Bis heute abend." Und weg war er.
Sie blieb kurz sitzen und ließ das Gespräch sacken. Sie hatte also den Spring Blues. Einverstanden! Gut dem Kind einen Namen gegeben zu haben. Auch sie trank ihren Tee aus, blinzelte in die Frühlingssonne hinaus und war doch ganz froh, so einen Mitbewohner zu haben, während sie seine Tasse in die Spülmaschine räumte.
"Ersetzt doch jede Psychiaterin.", dachte sie.

1 Kommentar 21.7.10 02:18, kommentieren

Werbung


Qué ciudad?

Endlich hatte Maria Rodriguez Feierabend. 8 Stunden hatte sie hinter sich gebracht, lediglich unterbrochen von einer 15 minütigen Pause. Dabei hatte sie ständig an ihre Familie gedacht, für die sie diesen Job angenommen hatte. Er war schlecht bezahlt und so eintönig, wie man es sich in einem westlich geprägten Land kaum noch vorstellen konnte. Irgendwie hatte sie oft das Gefühl, dass der grausamste Mensch der Welt kein Hitler, Stalin oder ihr Zahnarzt war, sondern ein gewisser Herr Frederik Winslow Taylor, der im England der Industrialisierung die Arbeitsteilung und Spezialisierung vorantrieb. „Puta de madre!“, dachte sie einfach oft nur, wenn sie an diesen Kerl dachte. Sie hatte ernsthaft mit dem Gedanken gespielt eine zeitlang als Prostituierte zu arbeiten (das notwendige Kapital in Form ihres Körpers hatte sie zumindest; sie war wirklich hübsch) und damit das nötige Geld zu verdienen, um nach England zu fliegen und dort das Grab dieses Menschenfeinds nach allen Regeln der so noch nicht erfundenen Kunst zu schänden. Vielleicht würde sie auch mal in einem oben offenen Doppeldeckerbus durch London fahren und Stonehenge besichtigen, aber in erster Linie würde sie damit beschäftigt sein ihre körpereigenen Abfallstoffe (Kot, Urin, Speichel, Rotz, Schweiß, Schuppen, Schamhaare und diverse andere Sachen, die vermutlich nur Charlotte Roche kennt) auf dem Grab von Frederik Winslow Taylor zu verteilen. In ihrem BWL- Studium konnte sie seine Denkweise auf einer abstrakten Ebene ganz gut nachvollziehen. Als sie jedoch selbst Teil seiner anti-philantropen Ideen wurde, entwickelte sich langsam ein recht tiefgründiger Hass gegen dieses Aas von einem Wirtschaftstheoretiker. Er konnte zwar nichts dafür, dass in ihrem Leben einiges schief lief und sie jetzt diesen Job machen musste, dennoch hielt sie ihn für teilweise verantwortlich an ihrer Misere. Sie verzichtete allerdings aus einem für ihr Land typischen Pragmatismus heraus auf diese Reise und v.a. auf die Beschaffung der Reisekosten. Sobald sie Feierabend hatte flaute ihr Hass gegen den toten Engländer ja auch recht schnell wieder ab. Diesen Hass aufrecht zu erhalten hätte sie Energie gekostet, die woanders gefehlt hätte.
Auf jeden Fall war jetzt Feierabend und die Restenergie, die sie noch hatte, wollte gut kalkuliert angelegt sein. Sie ging zu ihrer U-Bahn der Linie 3. Diese war für sie zwar ungünstiger, da die Linie 7 sie direkt vor die Haustür gefahren hätte, aber irgendwie war ihr die Linie 3 sympathischer. Die Bahn kündigte sich wie üblich an, indem sie den Großteil der Luft aus dem U-Bahntunnel vor sich herschob und somit den Wartenden eine Ahnung davon verlieh wie so ein U-Bahntunnel riecht. Sie riechen nämlich wie BigMacs schmecken: auf der ganzen Welt gleich. Maria sah auf die Uhr: 19:51. Sie würde die Bahn um 19:56 nehmen. Vermutlich waren in ihr weniger Leute und die Abfahrtszeit schien ihr auch besser in ihren Tagesrythmus zu passen, auch wenn sie nicht sagen konnte warum.
Die Bahn um 19:56 war jedoch noch voller und Maria war froh es überhaupt in den hoffnungslos überfüllten Wagon zu schaffen. Sie stieg aus und kämpfte sich durch die Menschenmassen zur Oberfläche, wobei sie auf Rolltreppen gänzlich verzichtete und stattdessen immer 3 Stufen auf der immobil- parallelen Treppe nahm. Der  U-Bahnschlund spuckte sie schließlich mit all den anderen Menschen an die abendliche Oberfläche. Obwohl die Dämmerung bereits gut fortgeschritten war, war es immer noch drückend warm. Da Maria Rodriguez allerdings in dieser Megastadt aufgewachsen war, nahm sie die abendliche Schwüle kaum mehr war. Vielmehr amüsierte sie sich über die weißen Touristen, die mit jedem verfügbaren Stück Stoff versuchten ihren Schweißbächen Einhalt zu gebieten.
Geschickt manövrierte sie ihren schlanken Körper nun zwischen den Ständen hindurch, die sich in dieser Stadt um die U-Bahnstationen gruppierten wie Fliegen um einen delikaten Haufen Scheiße. Obwohl sie deren Anblick gewöhnt war, musste sich Maria immer noch bisweilen wundern, was für nutzlose Ware hier immer feilgeboten wurde: Plastikzauberstäbe, T- Shirts mit amerikanischen Wrestlern darauf, Räucherstäbchen zur Abwehr toter Seelen, Tinkturen zum Becircen lebender Seelen in zumeist schönen Körpern usw.
Ihr Ziel war jedoch Pepe´s Stand, der zwar recht versteckt lag, für sie aber eine Art Mini-Supermarkt darstellte. Sie mochte Pepe. Er war schon um die fünfzig und ein gutherziger Kerl. Seine Waren waren zumeist immer recht frisch und waren sie es mal nicht, gab es immer ein paar Limetten gratis obendrauf. Schließlich machen Limetten selbst Fleisch das bereits zum Großteil aus Fliegeneiern besteht zumindest genießbar. Was sie jedoch am meisten an Pepe schätzte, war seine Bereitschaft über den Preis zu verhandeln. Meistens schaffte sie es mit ihm einen Preis von 33, 66 oder 99 Pesos auszuhandeln. Schaffte sie das mal nicht waren es zumindest Preise wie 27, 57 und 102 Pesos.
Sie kaufte Tortillas, halbfrischen Koriander, ein paar Avocados und ein paar Flaschen Sól für ihren Mann. Das machte zusammen 40 Pesos. Sie zahlte und gab ihm aus einem inneren Drang heraus noch 2 Pesos Trinkgeld.
Dann machte sie sich auf den Weg in ihre winzige Wohnung in der sie mit ihrem Mann und ihren 3 Kindern lebte. Seit das 3. Kind da war wurde das Geld ziemlich knapp, aber es war schließlich auch nicht geplant gewesen. Sie machte 15 Tacos für ihre Familie, schaute noch 3 Folgen verschiedener Telenovelas und ging dann auch um Punkt 22:33 Uhr ins Bett.
Während sie so einschlief bekam sie wieder einmal das Gefühl, dass sie sich dringend einen anderen Job suchen musste. Irgendetwas in ihr sagte ihr, dass es für ihre geistige Verfassung auf Dauer nicht gut war täglich tausende U-Bahntickets, das Stück 3 Pesos, zu verkaufen.

1 Kommentar 20.7.10 00:43, kommentieren