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Qué ciudad?

Endlich hatte Maria Rodriguez Feierabend. 8 Stunden hatte sie hinter sich gebracht, lediglich unterbrochen von einer 15 minütigen Pause. Dabei hatte sie ständig an ihre Familie gedacht, für die sie diesen Job angenommen hatte. Er war schlecht bezahlt und so eintönig, wie man es sich in einem westlich geprägten Land kaum noch vorstellen konnte. Irgendwie hatte sie oft das Gefühl, dass der grausamste Mensch der Welt kein Hitler, Stalin oder ihr Zahnarzt war, sondern ein gewisser Herr Frederik Winslow Taylor, der im England der Industrialisierung die Arbeitsteilung und Spezialisierung vorantrieb. „Puta de madre!“, dachte sie einfach oft nur, wenn sie an diesen Kerl dachte. Sie hatte ernsthaft mit dem Gedanken gespielt eine zeitlang als Prostituierte zu arbeiten (das notwendige Kapital in Form ihres Körpers hatte sie zumindest; sie war wirklich hübsch) und damit das nötige Geld zu verdienen, um nach England zu fliegen und dort das Grab dieses Menschenfeinds nach allen Regeln der so noch nicht erfundenen Kunst zu schänden. Vielleicht würde sie auch mal in einem oben offenen Doppeldeckerbus durch London fahren und Stonehenge besichtigen, aber in erster Linie würde sie damit beschäftigt sein ihre körpereigenen Abfallstoffe (Kot, Urin, Speichel, Rotz, Schweiß, Schuppen, Schamhaare und diverse andere Sachen, die vermutlich nur Charlotte Roche kennt) auf dem Grab von Frederik Winslow Taylor zu verteilen. In ihrem BWL- Studium konnte sie seine Denkweise auf einer abstrakten Ebene ganz gut nachvollziehen. Als sie jedoch selbst Teil seiner anti-philantropen Ideen wurde, entwickelte sich langsam ein recht tiefgründiger Hass gegen dieses Aas von einem Wirtschaftstheoretiker. Er konnte zwar nichts dafür, dass in ihrem Leben einiges schief lief und sie jetzt diesen Job machen musste, dennoch hielt sie ihn für teilweise verantwortlich an ihrer Misere. Sie verzichtete allerdings aus einem für ihr Land typischen Pragmatismus heraus auf diese Reise und v.a. auf die Beschaffung der Reisekosten. Sobald sie Feierabend hatte flaute ihr Hass gegen den toten Engländer ja auch recht schnell wieder ab. Diesen Hass aufrecht zu erhalten hätte sie Energie gekostet, die woanders gefehlt hätte.
Auf jeden Fall war jetzt Feierabend und die Restenergie, die sie noch hatte, wollte gut kalkuliert angelegt sein. Sie ging zu ihrer U-Bahn der Linie 3. Diese war für sie zwar ungünstiger, da die Linie 7 sie direkt vor die Haustür gefahren hätte, aber irgendwie war ihr die Linie 3 sympathischer. Die Bahn kündigte sich wie üblich an, indem sie den Großteil der Luft aus dem U-Bahntunnel vor sich herschob und somit den Wartenden eine Ahnung davon verlieh wie so ein U-Bahntunnel riecht. Sie riechen nämlich wie BigMacs schmecken: auf der ganzen Welt gleich. Maria sah auf die Uhr: 19:51. Sie würde die Bahn um 19:56 nehmen. Vermutlich waren in ihr weniger Leute und die Abfahrtszeit schien ihr auch besser in ihren Tagesrythmus zu passen, auch wenn sie nicht sagen konnte warum.
Die Bahn um 19:56 war jedoch noch voller und Maria war froh es überhaupt in den hoffnungslos überfüllten Wagon zu schaffen. Sie stieg aus und kämpfte sich durch die Menschenmassen zur Oberfläche, wobei sie auf Rolltreppen gänzlich verzichtete und stattdessen immer 3 Stufen auf der immobil- parallelen Treppe nahm. Der  U-Bahnschlund spuckte sie schließlich mit all den anderen Menschen an die abendliche Oberfläche. Obwohl die Dämmerung bereits gut fortgeschritten war, war es immer noch drückend warm. Da Maria Rodriguez allerdings in dieser Megastadt aufgewachsen war, nahm sie die abendliche Schwüle kaum mehr war. Vielmehr amüsierte sie sich über die weißen Touristen, die mit jedem verfügbaren Stück Stoff versuchten ihren Schweißbächen Einhalt zu gebieten.
Geschickt manövrierte sie ihren schlanken Körper nun zwischen den Ständen hindurch, die sich in dieser Stadt um die U-Bahnstationen gruppierten wie Fliegen um einen delikaten Haufen Scheiße. Obwohl sie deren Anblick gewöhnt war, musste sich Maria immer noch bisweilen wundern, was für nutzlose Ware hier immer feilgeboten wurde: Plastikzauberstäbe, T- Shirts mit amerikanischen Wrestlern darauf, Räucherstäbchen zur Abwehr toter Seelen, Tinkturen zum Becircen lebender Seelen in zumeist schönen Körpern usw.
Ihr Ziel war jedoch Pepe´s Stand, der zwar recht versteckt lag, für sie aber eine Art Mini-Supermarkt darstellte. Sie mochte Pepe. Er war schon um die fünfzig und ein gutherziger Kerl. Seine Waren waren zumeist immer recht frisch und waren sie es mal nicht, gab es immer ein paar Limetten gratis obendrauf. Schließlich machen Limetten selbst Fleisch das bereits zum Großteil aus Fliegeneiern besteht zumindest genießbar. Was sie jedoch am meisten an Pepe schätzte, war seine Bereitschaft über den Preis zu verhandeln. Meistens schaffte sie es mit ihm einen Preis von 33, 66 oder 99 Pesos auszuhandeln. Schaffte sie das mal nicht waren es zumindest Preise wie 27, 57 und 102 Pesos.
Sie kaufte Tortillas, halbfrischen Koriander, ein paar Avocados und ein paar Flaschen Sól für ihren Mann. Das machte zusammen 40 Pesos. Sie zahlte und gab ihm aus einem inneren Drang heraus noch 2 Pesos Trinkgeld.
Dann machte sie sich auf den Weg in ihre winzige Wohnung in der sie mit ihrem Mann und ihren 3 Kindern lebte. Seit das 3. Kind da war wurde das Geld ziemlich knapp, aber es war schließlich auch nicht geplant gewesen. Sie machte 15 Tacos für ihre Familie, schaute noch 3 Folgen verschiedener Telenovelas und ging dann auch um Punkt 22:33 Uhr ins Bett.
Während sie so einschlief bekam sie wieder einmal das Gefühl, dass sie sich dringend einen anderen Job suchen musste. Irgendetwas in ihr sagte ihr, dass es für ihre geistige Verfassung auf Dauer nicht gut war täglich tausende U-Bahntickets, das Stück 3 Pesos, zu verkaufen.

20.7.10 00:43

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